Janine Tobüren

Wie ein spontaner Moment der Eingebung, eine Epiphanie sollte es sein. Jedenfalls in der Vorstellung von einem schlafwandlerisch seiner unfehlbaren Intuition folgenden Genies, das für die präzise Umsetzung seiner Bildidee nicht einmal die Klarheit des Bewusstseins braucht.
Originalität und Einzigartigkeit bildeten das Ethos einer Avantgarde, die als spontane Eingebung feierte, was sich bei genauer Betrachtung eher mit den Begriffen Kopie und Wiederholung beschreiben ließe:
„Das Thema der Originalität, das die Vorstellungen von Authentizität, Original und Ursprung mit einschließt, ist die gemeinsame diskursive Praxis des Museums, des Historikers und des Kunstproduzenten. Und das ganze 19. Jahrhundert hindurch waren alle diese Institutionen in dem Ziel verbunden, das Kennzeichen, die Gewähr, die Beglaubigung des Originals zu finden.“[1]
Die Postmoderne hat das Originalitätskonzept ad acta gelegt und sich stattdessen dem mannigfaltigen Terrain des Verweisens und Zitierens zugewandt, in dem Janine Tobürens Werk noch neue Pfade gefunden hat.
Bereits 2009 fragt Tobüren, was an einer Geste PERSONAL? sei. In einem einem ersten Schritt bringt sie ihre ganz „persönliche“ Geste mit Tusche aufs Papier, aber nur um sie dann, einmal gefunden, auf Folie drucken zu lassen, die sie wiederum ausschneidet und auf einen Holzrahmen klebt. Erst die Folie schafft dabei die nötige Distanz zur unmittelbaren Malgeste und wird somit zum Mittel, um das vermeintlich persönliche im malerischen Ausdruck zu hinterfragen. Es wundert daher nicht, dass Tobüren sich oftmals mit den Werken der Abstrakten Expressionisten auseinandersetzt, deren Bilder als unmittelbarer Ausdruck psychischer Zustände gelten. In einer Reihe von Skulpturen hat Janine Tobüren die schwarzen Farbbalken auf den Bildern von Franz Kline ins Dreidimensionale übersetzt. Aus den gemalten Linien werden dick mit schwarzer Farbe bestrichene Holzbalken, die gleichsam in den Raum hineingezeichnet sind. Mit einer Arbeit wie der Wandinstallation CONNECTIONS von 2011, in der sie prints verschiedener Künstler der New York School bis hin zu Basquiat in siebenfacher Verkleinerung an die Wand bringt, zeigt sie durch Hängung und Anordnung ganz deutlich die gegenseitigen Beeinflussungen von Künstlern, deren Werk eigentlich als absolut eigenständig gilt. So bleiben immer zwei Möglichkeiten der Betrachtung: Entweder ich sehe und erfreue mich direkt an der Skulptur oder Malerei vor meinen Augen oder ich folge den in ihr versteckten Verweisen, die eine oft augenzwinkernde Auseinandersetzung mit dem Konzept der Originalität darstellt, vor allem dann, wenn Tobüren sich 2011 selbst in die Reihe ihrer IDOLS stellt. Hier „remixt“ sie Werkreihen von Cy Twombly und die von ihnen inspirierten Bilder Jean-Michel Basquiats. Dabei bilden die Künstler ihre Vorbilder voneinander beeinflusst ab, Cy Twombly als Initiator dieser Reihe, wird durch Basquiat somit selbst wieder zum Idol. Dann kommt Tobüren und erweitert diese Hommage noch einmal um ihr eigenes Werk. In ihren neuesten Arbeiten, den REARRANGEMENTS von 2012, zeigt sich die Künstlerin besonders selbstbewusst, wenn sie an den Linien von Tuschezeichnungen Brice Mardens entlang schneidet und die so gewonnenen Zwischenräume als Neuarrangement zusammenfügt. Hier zeichnet sich eine Direktheit und Unbefangenheit im Umgang mit dem fremden Werk ab, die die Strukturen der Bilderzeugung ganz im Zeichen der Postmoderne verstanden zu haben scheint: dass die Kopie eine stets gegenwärtige Realität darstellt, die dem Original zugrundeliegende Bedingung bleibt[2].



[1] Rosalind Krauss, Herta Wolf (Hrsg.); Die Originalität der Avantgarde und andere Mythen der Moderne, Amsterdam und Dresden 2000, S. 211