Janine Tobüren

Was sieht das Auge, das über die Entstehung der Skulptur im Raum nichts weiß? Stellen sich nicht unweigerlich Erinnerungen an Zerfallsprozesse, etwa nach überall ausbrechenden Bränden ein? Und ist es nicht so, dass in historischen Museen noch die letzten Reste vergangener Baukultur durch Stützvorrichtungen derart erhaben präsentiert werden, dass sie selbst die fortschrittsgläubigsten Besucher wie Trophäen großer Leistungen in einen Zustand des Staunens versetzen? Sicher, das denkende Auge wird alsbald feststellen, dass nicht einmal Heimatmuseen auf die Idee verfallen, derartige Relikte mit schwarzer Acrylfarbe 'einzukleiden'. Für Uneingeweihte treiben die Skulpturen und Wandarbeiten von Janine Tobüren ein eigenwilliges Spiel mit der Aneignung von 'Dingen', die die Vergangenheit auf die eine oder andere Weise als genialische Erfindung geadelt hat. Aber wurzelt diese Verklärung von Kulturgütern nicht selbst in der permanenten Vertuschung von 'kreativem Diebstahl', der bestmöglichen 'Ausbeutung' von Hinterlassenschaften früherer Generationen? Tatsache ist, dass sich Tobüren unbekümmert um Original und Plagiat einer kühl kalkulierten Strategie bedient, derentwegen sich die vermeintlich genialische Geste – ob die der Vorfahren, der Zeitgenossen oder die eigene – in Nichts auflöst.
Was wäre geeigneter für eine solche Aneignung als die systematische Auseinandersetzung mit den 'von höheren Wesen befohlenen' spontanen Setzungen der expressiven Malerei. Was bleibt übrig, wenn diese aus einer auf Klebefolie vergrößerten Fassung zunächst kleinformatiger, expressiver Kompositionen – gegebenenfalls den eigenen – ausgeschnitten werden? Ist es nicht reizvoll, sich – wie schon so viele Künstler vorher – an Vorläufer heranzuwagen, um deren in kunsthistorischen Schubladen verpackte 'Expression' gegebenenfalls zu revitalisieren? Wer sich in der Kunstgeschichte, speziell in deren neuerer Sektion, auskennt, wird den Spuren von Tobürens 'Vorbildern' folgen können. Da blitzen Franz Klines heftige Pinselsetzungen auf, jene balkenartigen, schwarzen Formationen in weißem Grund, die die Fläche zu sprengen drohen. Warum nicht eben diese oder ähnlich expressive Gesten in den Raum setzen, wo sie trotz ihrer massiven physischen Präsenz wie fragile Schatten aus dem anhaltenden Strom großer Ideen posieren? Dass nicht erst seit der Postmoderne dem Original immer schon der Zweifel am Genialischen, dem Weihrauch des ausgehenden 19. Jahrhunderts, immanent ist, dafür haben Generationen von Avantgarden den Stoff geliefert. Eben so gelingt es Janine Tobüren, ihre 'Kunst des Zitierens' und Hinterfragens der eigenen Werke wie jener bedeutender Vorfahren augenzwinkernd in eine Hommage an die sich im Reproduktionsstrom revitalisierenden Potenziale expressiver 'Gesten' umzumünzen.