Janine Tobüren

Was ist das Wesentliche der originalen künstlerischen Geste? Kann man diese Geste in eine andere Form übersetzen? Mit diesen Fragen beschäftig sich Janine Tobüren in ihren Arbeiten. Dabei geht sie von Werken bekannter Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus. Insbesondere die abstrakten Expressionisten der 1940er und 1950er Jahre bilden die Grundlage ihrer Arbeiten. Bei den Werken von Jackson Pollock, Franz Kline oder Willem de Kooning ist es die künstlerische Geste, die sich durch die Aktion der Malerei auf der Leinwand manifestiert. In der Aktion der Malerei liegt somit das wesentliche des künstlerischen Schöpfungsaktes und die künstlerische Geste ist der individuelle Ausdruck eine jeden Künstlers.
Janine Tobüren nimmt sich Gemälde der genannten Künstler als Vorlage und setzt sie in eine neue, ihre eigene Formensprache um. Die abstrakten Gemälde von Franz Kline überführt sie in dreidimensionalen Objekten aus Holz oder Bronze. Meryon's Sculpture, 2011 ist eine dieser Arbeiten. Als Vorlage diente das Gemälde Meryon, 1960. Die gemalten schwarzen gestischen Linien des Gemäldes werden in ihren Skulpturen zu Linie im Raum, die aus, dick mit schwarzer Acrylfarbe bemalten Holzlatten bestehen. Die Skulptur entspricht in ihrer Höhe und Breite sowie in ihrer Farbigkeit genau den Maßen des Vorbildes, doch überführt sie das Gemälde nicht nur in eine andere Form, sondern erweiterte es auch um eine dritte Dimension. Durch das Umschreiten der Skulptur kann man sozusagen die Einansichtigkeit des Gemäldes überwinden und hinter die Leinwand blicken.
Eine weitere wichtige Frage bezüglich der künstlerischen Geste betrifft ihre Einzigartigkeit. Hat jeder Künstler eine unverwechselbare Handschrift? Wie beeinflussen sich Künstler in ihrer Arbeitsweise gegenseitig? Diesen Fragen versucht Tobüren unteranderem bei dem befreundeten Malern Willem de Kooning und Franz Kline auf den Grund zu gehen. In den 1940er Jahren entstanden Werke von beiden Künstlern die sich zum Verwechseln ähneln. Sie zeigen die gleichen gestischen Pinselstriche und Farbwahl. Janine Tobüren lässt Werke von beiden Künstlern aus dieser Zeit auf selbstklebende Folie drucken und schneidet einzelne Element aus, die sie zu neuen Bildern zusammensetzt. Untitled Summer, 2011 ist eine dieser Arbeiten. Es ist nicht mehr erkennbar, welcher Teil aus einem Gemälde von Willem de Kooning oder Franz Kline entnommen wurde.
Seit 2011ist eine künstlerische Position in die Aufmerksamkeit von Janine Tobüren gerückt, die sich nicht mit der expressiven Geste als Ausdrucksmittel auseinandersetzt, sondern diese zugunsten von einfachen geometrischen Formen überwindet: der 1977 verstorbene Düsseldorfer Künstler Blinky Palermo. In der kleinen, fragilen Wandarbeit PALERMO 1965 übersetzt sie eine Aquarellzeichnung Palermos ins Dreidimensionale. Mit I DO setzt Tobüren erstmals Projektion als Ausdrucksmittel ein. Die Arbeit besteht aus zwei Overhead-Projektoren, auf denen aus farbiger Folie ausgeschnittene Kreise liegen, die an die Wände geworfen werden. Sie bezieht sich hier auf eine Serie von Papierarbeiten von Palermo, die er 1976 schuf und mit Who knows the beginning and who knows the end betitelte. Diese zeigen Anschnitte von geometrischen Formen und überlassen die Vollendung der Imagination des Betrachters. Mit der Arbeit I DO gibt sie eine, vielleicht provokative, Antwort auf die Frage nach dem Anfang und dem Ende der Arbeiten von Palermo.
Janine Tobürens Werke sind eine Interpretation der Arbeiten ihrer Vorbilder, eine Überführung in eine neue Form. Dabei hinterfragen sie die Techniken und den Mythos der originalen künstlerischen Geste. Sie analysiert die Formen und Wirkungen der Vorgängerarbeiten genau. In akribischer Detailgenauigkeit untersucht sie Pinselstrich für Pinselstrich und übersetzt ihn in ihre eigene künstlerische Sprache. Die Schnelligkeit der gestischen Malerei wird in ihren Werken durch diese Exaktheit verlangsamt. Sie untersucht auf verschiedene Weisen künstlerische Schaffensprozesse ohne aber eine endgültige Antwort geben zu wollen.